Manchmal liegt die Ursache Generationen zurück

Du kannst alle Verträge richtig aufsetzen. Du kannst das beste Beratungsteam engagieren. Ihr könnt alle miteinander reden, ernsthaft und ehrlich. Und trotzdem läuft etwas nicht rund. Eine unsichtbare Hand greift ein. Der Nachfolger macht Fehler, die er eigentlich nicht machen müsste. Der Senior kann nicht loslassen, auch wenn er es will. Im Unternehmen entsteht eine Dynamik, die niemand erklären kann.

Oft liegt die Ursache nicht in der aktuellen Generation. Sie liegt in dem, was die Familien vor euch erlebt haben, und nicht aufgelöst haben.

Das klingt zunächst abstrakt. Ist es aber nicht.

Dieser Artikel ist der dritte Teil unserer Reihe zum Scheitern von Familienunternehmensnachfolgen. Den vollständigen Überblick über alle Phasen und Ebenen findest du im Überblicks-Artikel. Was vor der Übergabe schiefgeht, beschreibt Artikel 1, was danach schiefgeht Artikel 2. Hier geht es um die tiefste Ebene: die Familiengeschichte, die alle Beteiligten tragen, ohne es zu wissen.


Was transgenerationale Muster sind

Jede Familie trägt eine Geschichte. In dieser Geschichte gibt es Verletzungen, Traumata, Verluste, Ungerechtigkeiten, die damals nicht aufgelöst wurden. Der Großvater, der im Krieg gefallen ist und über den nie gesprochen wurde. Die Scheidung, die das Familienvermögen aufgeteilt hat. Der Bruder, der enterbt wurde und seither schweigt. Die Mutter, die sich für das Unternehmen geopfert hat, ohne je anerkannt worden zu sein.

Diese Ereignisse sind lange vorbei. Aber ihr Abdruck im Familiensystem ist es nicht.

Wenn emotionale Verletzungen nicht aufgelöst werden, erzeugen sie Muster, die sich in der nächsten Generation wiederholen, oft in anderer Form, aber mit derselben Logik. Forschung zur Epigenetik und zur systemischen Familientherapie zeigt, dass die transgenerationale Weitergabe von Stressmustern und Traumata real und messbar ist.

In der Praxis bedeutet das: Ein Nachfolger, der nie verstand, warum er es dem Vater nie recht machen konnte, handelt möglicherweise aus einer Verletzung heraus, die der Vater selbst von seinem Vater (GV) übernommen hat. Und der Vater (GV) hat sie vielleicht von seinem Vater (UGV).


Das Hochrutschen: Wenn Generationengrenzen verschwimmen

Eines der häufigsten transgenerationalen Muster in Familienunternehmen ist das, was wir in der System Empowering-Methode das Hochrutschen nennen.

Es entsteht, wenn ein Mitglied der Ahnenreihe aus dem System ausgeschlossen oder nicht gewürdigt wird. Ein Vater, der im Krieg gestorben ist. Ein Gründer, über den nicht mehr gesprochen wird. Ein Vorfahre, der Schuld auf sich geladen hat und dem gegenüber niemand Dankbarkeit oder Anerkennung ausgesprochen hat.

In solchen Fällen sucht das System unbewusst nach jemandem, der die fehlende Rolle ausfüllt. Ein Kind rutscht in die Rolle des fehlenden Vaters hoch. Es übernimmt Verantwortung, die nicht seiner Altersgruppe entspricht. Es kümmert sich um jüngere Geschwister, wird zur emotionalen Stütze der Mutter, trägt das Unternehmen, als wäre es das, was der verstorbene Gründer getan hätte.

Das setzt sich fort. Das Kind dieses Kindes rutscht noch höher.

In der Nachfolge zeigt sich das in einer konkreten und sehr belastenden Dynamik: Der zukünftige Nachfolger verhält sich gegenüber dem Senior wie ein Gleichrangiger oder sogar wie eine übergeordnete Instanz, noch bevor er offiziell übernommen hat. Er trifft Entscheidungen, die nicht seine sind. Er behandelt den Vater, ohne es zu wollen, wie einen Mitarbeiter.

Der Senior spürt diese Verschiebung. Er reagiert darauf, indem er die alte Ordnung verteidigt: Er hält fest, kontrolliert, macht sich unentbehrlich. Er kann die Verantwortung nicht übergeben, weil das System gerade aus den Fugen geraten ist.

Keiner der beiden ist schuld. Beide leiden.


Praxisbeispiel: Der Sohn, der das Unternehmen unbewusst ruinieren wollte

Aus dem Fachbuch Systemische Mediation von Dr. Dieter Bischop:

Ein Inhaber einer Holding mit drei Unternehmen hatte das Unternehmen von seinem Vater übernommen. Der Vater war ein starker Unternehmer gewesen, der sein Leben der Firma gewidmet hatte, sich dabei von seiner Frau getrennt und den Sohn weitgehend sich selbst überlassen hatte. Der Sohn wuchs bei der Mutter und dem Stiefvater auf.

Als der Sohn die Holding übernahm, begann er, die größte und wichtigste Firma seines Vaters systematisch zu ruinieren. Er wusste nicht, warum. Er wollte es nicht. Aber er tat es.

Im Coaching wurde sichtbar, was dahinter lag: Der Vater hatte den Sohn und die Mutter ausgeschlossen, weil das Unternehmen Vorrang hatte. Diese Systemgesetzverletzung, dieser Ausschluss und diese fehlende Anerkennung, lebten weiter im Sohn. Unbewusst agierte er das aus. Die Firma des Vaters zu beschädigen war eine Reaktion auf die Verletzung, die dieser Vater ihm und seiner Mutter zugefügt hatte.

Die Lösung: Der Sohn verkaufte die Hauptfirma, das Herzstück des väterlichen Lebenswerks. Er behielt die anderen beiden Unternehmen und gründete ein neues, in dem er seine eigene Vision verwirklichen konnte. Erst dadurch war er in der Lage, wirklich Unternehmer zu sein und nicht mehr Getriebener einer alten Verletzung.

Hätte er diesen Zusammenhang nicht erkannt, hätte er die Holding zerstört. Und niemand hätte je verstanden, warum.

Weitere Praxisbeispiele der System Empowering-Methode in Familienunternehmen findest du in unserem ausführlichen Beitrag.


Die vier Systemgesetze: Was das Familiensystem strukturiert

Im System Empowering unterscheiden wir vier grundlegende Systemgesetze, die in jedem Familiensystem wirksam sind:

Zugehörigkeit: Jeder, der zu einem System gehört, muss das dürfen. Wer ausgeschlossen wird, erzeugt im System eine Lücke, die von anderen gefüllt wird. Das schafft Rollen, die nicht zur Person passen.

Anerkennung: Was früher da war, hat Vorrang. Wer das Frühere nicht würdigt, verletzt dieses Gesetz. Nachfolger, die das Lebenswerk des Seniors entwerten, lösen genau die Reaktion aus, die sie vermeiden wollen: Der Senior hält fest.

Ausgleich: Was gegeben wurde, muss auch irgendwie anerkannt werden. Ungleichgewichte in der Verteilung von Erbe, Verantwortung oder Aufmerksamkeit erzeugen Spannungen, die sich in der Nachfolge entladen.

Ordnung: In einem System gibt es eine natürliche Reihenfolge. Wenn ein Jüngerer die Rolle eines Älteren übernimmt, bevor die Zeit reif ist, bricht die Ordnung zusammen. Das erzeugt Chaos, auch wenn äußerlich alles geordnet wirkt.

Verletzungen dieser Gesetze lösen Reaktionen aus, die niemand bewusst gewählt hat. Das macht sie so schwer zu erkennen und so wichtig, sie aufzulösen.


Wie diese Muster sichtbar und auflösbar werden

Der erste Schritt ist das Erkennen. Wer versteht, dass sein Verhalten nicht vollständig aus der aktuellen Situation heraus erklärbar ist, sondern auch aus dem, was seine Familie vor ihm erlebt hat, beginnt, den Druck zu verstehen, der auf ihm lastet.

Im Hanseatischen Institut arbeiten wir dafür mit dem Systemogramm, einer strukturierten Darstellung des Familiensystems über mehrere Generationen. Im Systemogramm wird sichtbar: Wer gehörte dazu? Wer wurde ausgeschlossen? Welche Verletzungen wurden weitergegeben? Wo hat das Hochrutschen begonnen?

Aus diesem Bild lässt sich ein Zeit-Ursachen-Diagramm entwickeln: Wann ist welches Ereignis passiert? Was war die Reaktion des Systems darauf? Welche Muster haben sich seither wiederholt?

Auf dieser Grundlage arbeiten wir mit der Genea-Methode (innere Aufstellungsarbeit) und dem Empowering, um die emotionalen Verletzungen aufzulösen, die das System bis heute strukturieren. Das ist keine Vergangenheitsbewältigung um ihrer selbst willen. Es ist die notwendige Grundlage für eine Nachfolge, die trägt.


Für Berater und Coaches: Warum diese Perspektive entscheidend ist

Wenn du als Steuerberater, Anwalt oder Unternehmensberater in der Nachfolgeberatung arbeitest, hast du vielleicht schon erlebt, dass alle sachlichen Lösungen auf dem Tisch liegen und trotzdem nichts vorangeht. Die Parteien blockieren sich, Entscheidungen werden nicht getroffen, Einigungen platzen ohne erkennbaren Grund.

Was du in diesen Momenten siehst, sind Systemgesetzverletzungen, die auf der Sachebene nicht lösbar sind. Keine Vertragsgestaltung der Welt löst das Problem, wenn der Senior innerlich nicht loslassen kann. Kein Bewertungsmodell klärt den Konflikt, wenn der Nachfolger das Frühere nicht würdigt.

Das zu erkennen und benennen zu können, ist eine Kompetenz, die die Wirkung deiner Arbeit massiv erhöht. Und die erlernbar ist.

Im Hanseatischen Institut bilden wir Berater, Coaches und Mediatoren zu CoachMediatoren aus, die genau diese Arbeit auf der Systemgesetzebene leisten können. In der System Empowering Coach-Mediator Ausbildung lernst du, Systemogramme zu lesen, Verletzungen zu erkennen und mit bewährten Methoden aufzulösen.


Was du jetzt tun kannst

Wenn du dich in einem dieser Muster wiedererkennst, als Nachfolger, der immer das Gefühl hat, gegen eine unsichtbare Wand zu laufen, als Senior, der nicht loslassen kann, obwohl er es will, oder als Berater, der merkt, dass seine Sacharbeit an etwas hängt, das er nicht greifen kann: Das ist kein Versagen. Das ist Information.

Information darüber, dass hier auf einer tieferen Ebene etwas Aufmerksamkeit braucht.

Wir schauen gemeinsam hin. Im Erstgespräch klären wir, welche Ebenen betroffen sind und was der sinnvollste nächste Schritt ist.

Schaue auf unsere Angebotsseite: Unternehmensnachfolge Beratung für Familienunternehmen: Konflikte lösen, bevor sie Familie und Unternehmen gefährden.


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