Erstes Systemgesetz — Recht auf Zugehörigkeit (kein Ausschluss)
Jemand verlässt das Unternehmen, ohne dass du dir wirklich erklären kannst warum. Ein langjähriger Mitarbeiter ist körperlich da, aber innerlich schon lange weg. Eine Abteilung nach der Fusion entwickelt sich still zum Widerstandszentrum. Auf der Sachebene ist alles geregelt. Trotzdem läuft es nicht.
In den meisten dieser Fälle liegt die Ursache nicht in fehlenden Strukturen oder mangelnder Kompetenz. Sie liegt in einem verletzten Grundbedürfnis, das in jedem menschlichen System wirkt: dem Recht auf Zugehörigkeit. D.h. es ist zu einem Ausschluss gekommen, weshalb ein schlechtes Gefühl, Angst und Ärger entsteht und dieser Ausschuss typischerweise zu einem Gegenausschluss führt.
Was dieses Systemgesetz bedeutet
Jeder, der zum System gehört oder gehörte, hat ein dauerhaftes Recht auf Zugehörigkeit. Dieses Recht verjährt nicht.
Das gilt für aktuelle Mitarbeiter genauso wie für pensionierte, gekündigte oder ausgeschiedene. Für den Gründervater, dessen Name heute kaum noch jemand kennt. Und für eine Unternehmenskultur, eine Struktur oder eine Vision, die durch Veränderungen stillschweigend übergangen wurde.
Der Ausschluss ist die schwerste Form der Verletzung, weil er direkt an das archaischste Überlebensbedürfnis des Menschen rührt. Wer aus der Gruppe ausgeschlossen wurde, kämpfte früher ums Überleben. Heute kämpft er anders.
Wie Ausschlüsse entstehen
Ausschlüsse passieren selten mit böser Absicht. Meistens steckt eine positive Absicht dahinter, die auf der Systemgesetzebene negative Auswirkungen hat.
Ein Mitarbeiter hat einen Konflikt mit seinem Kollegen und geht direkt zum Chef, ohne den Kollegen davon zu informieren. Der Kollege erfährt es später und fühlt sich übergangen. Ein klassischer Ausschluss, entstanden aus dem Impuls heraus, eine Situation schnell zu klären. Die Lösung ist einfach: Wer eskaliert, informiert vorher die andere Seite. Der Chef fragt zu Beginn, ob der andere Mitarbeiter eingeweiht ist. Wenn nein, geht er inhaltlich nicht rein, bevor der Ausschluss aufgehoben ist.
Ähnlich funktioniert es bei Einstandsfeiern. Ein neuer Mitarbeiter lädt nur einen Teil der Abteilung ein — vielleicht weil er die anderen noch nicht kennt, vielleicht aus Kostengründen. Wenn es im Unternehmen üblich ist, alle einzuladen, fühlen sich die Ausgeschlossenen sofort verletzt. Nicht weil der neue Mitarbeiter etwas Böses wollte, sondern weil das Systemgesetz ohne sein Wissen verletzt wurde.
Besonders sichtbar wird der Ausschluss bei Fusionen. Zwei Unternehmen werden zusammengelegt, die Identität, der Name, die Kultur des einen wird schlicht übergangen. Mitarbeiter fühlen sich und das, wofür sie jahrelang gearbeitet haben, nicht mehr gesehen. Was folgt: stille Demotivation, Loyalität gegenüber dem Alten, manchmal offene Sabotage. Nicht weil die Menschen schwierig sind, sondern weil das System auf eine Verletzung reagiert.
In Familiennachfolgen zeigt sich dasselbe Muster. Der Junior hat das Studium, denkt in Kennzahlen, baut neue Strukturen. Er meint es gut. Was er dabei übersieht: Die Mitarbeiter fühlen sich und alles, was sie mit dem Senior aufgebaut haben, nicht mehr gesehen. Sie werden dem Senior gegenüber loyal. Der Senior kann nicht loslassen. Ein Muster, das die meisten Nachfolgen nicht an sachlichen Fragen scheitern lässt, sondern an diesem.
Ausschlüsse durch Kommunikation und Führungsalltag
Ausschlüsse entstehen nicht nur bei großen Ereignissen wie Fusionen oder Nachfolgen. Sie entstehen täglich — oft in Gesprächssituationen, die niemand als kritisch wahrnimmt.
Wenn über jemanden geredet wird, anstatt mit ihm, ist derjenige ausgeschlossen. Das klingt offensichtlich, wird aber im Führungsalltag ständig übersehen. Ein Abteilungsleiter hält einen Mitarbeiter für eine Nachwuchsführungskraft und spricht darüber mit dem Bereichsleiter, ohne den Mitarbeiter selbst einzubeziehen. Gut gemeint. Aber der Mitarbeiter ist in diesem Moment nicht Teil des Gesprächs, das über ihn geführt wird. Zusätzlich bekommt der Bereichsleiter eine vorgefärbte Sicht — eine Brille — die er in allen späteren Begegnungen mit diesem Mitarbeiter trägt. Der Mitarbeiter wiederum spürt, dass irgendetwas in der Luft liegt, ohne zu wissen was. Das erzeugt Misstrauen.




Ausschlüsse durch Organisationsstrukturen
Manche Ausschlüsse entstehen nicht durch einzelne Gespräche, sondern durch Strukturen, die systematisch jemanden übergehen.



Eine besondere Situation: die neue Führungskraft unter ehemaligen Kollegen

Das ist kein böswilliges Verhalten der Kollegen. Es ist das System, das sich neu sortiert. Die neue Führungskraft muss darauf vorbereitet sein und diesen Übergang aktiv gestalten. Sonst entsteht das Gefühl, für die Beförderung mit dem Verlust der Zugehörigkeit zur Gruppe bezahlt zu haben.
Dazu kommt eine zweite Ebene: Eine Führungskraft braucht erfahrungsgemäß 40 Prozent ihrer Arbeitszeit für Führungsaufgaben. Das bedeutet, 40 Prozent der bisherigen Aufgaben müssen abgegeben werden. Wer das nicht akzeptiert, behält alle alten Aufgaben, ist überlastet und kann nicht wirklich führen.
Vergiftete Plätze
Wenn jemand ohne Würdigung aus einem System entfernt wird, entsteht ein vergifteter Platz. Wer diesen Platz danach einnimmt, hat kaum eine Chance. Die Mitarbeiter geben ihm nicht die Informationen, die er braucht. Das System sabotiert unbewusst, weil es den Ausschluss wieder aufheben will.
Die Lösung liegt nicht in noch mehr Veränderungen oder Erklärungen. Sie liegt darin, dem Ausgeschlossenen echte Anerkennung auszusprechen. Von Herzen. Nicht als Pflichtübung.
Wo entstehen Ausschlüsse in deinem System?
Wer habe ich in letzter Zeit aus Entscheidungen herausgehalten, ohne es anzusprechen? Wer aus dem System wird kaum noch erwähnt, obwohl er Wesentliches aufgebaut hat? Welche frühere Kultur, welches frühere Konzept wurde übergangen, ohne es zu würdigen? Und: In welchen Kommunikationswegen meines Unternehmens wird regelmäßig über jemanden geredet, ohne dass derjenige informiert wird?
Zugehörigkeit herzustellen kostet wenig. Sie nicht herzustellen kostet häufig das gesamte System.
Zusammenhang mit anderen Systemgesetzen
Das Recht auf Zugehörigkeit ist das Fundament aller anderen neun Systemgesetze. Solange Ausschlüsse bestehen, greifen Anerkennung, Ausgleich und alle weiteren Ordnungen nicht. Die Auflösung beginnt deshalb immer hier.
Weiterführend: Recht auf Anerkennung | Aussprechen, was ist | Die zehn Systemgesetze im Überblick
